Armut im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf. Mythos und Fakt zugleich
In Helle Mitte trafen sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Sozialarbeit um über Probleme und Lösungsansätze zu sprechen, die der jüngst erschienene Sozialatlas 2009 aufwarf.
Armut generell und Kinderarmut im Konkreten werden in Politik und Presse stets ausgiebig diskutiert. Im bundesweiten Vergleich zeigt sich deutlich, dass Berlin die Hauptstadt der Armen ist. 20% der Menschen sind arm, jedes dritte Kind, 38%. Dabei kommt hinzu, dass die Schere zwischen Arm und Reich stetig weiter auseinander geht.
Die Kosten für Bildung, Sport, Musik, und andere Freizeitaktivitäten sowie Kultur, bleiben jedoch seit Jahren konstant oder steigen sogar an. Wolfgang Büscher, Pressesprecher des christlichen Kinder- & Jugendwerkes DIE ARCHE e.V. beklagte, dass Kinder in vielen Fällen nahezu außerhalb der Kultur aufwachsen würden.
Kindern von Sozialtransferempfängern Frühstück und Mittagessen in den Schulen nahezu kostenlos anzubieten ist dabei allerdings nur eine Bekämpfung der Symptome, keinesfalls jedoch packe es das Problem beim Schopfe. Ganz ohne Zweifel, so Sebastian Czaja, FDP Abgeordneter für Marzahn- Hellersdorf im Abgeordnetenhaus, sei es wichtig, auch die Symptome, die der Rot-Rote Kurs in der Hauptstadt, insbesondere aber in Hellersdorf verursacht habe, zu bekämpfen.
Besonders wichtig sei es aber, die Ursachen anzugehen, die bei dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2009 zu so schlechten Ergebnissen für Marzahn-Hellersdorf geführt haben. Czajas Idee: Infrastruktur ausbauen, Investoren für den Bezirk gewinnen, Arbeitsplätze schaffen. Keinesfalls dürfe sich der Bezirk zu einer Schlafstadt entwickeln. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist dabei bereits gemacht, denn im Nordosten der Stadt entsteht zurzeit der Clean Tech Park Berlin-Marzahn. Aber was bringt ein Clean Tech Park ohne vernünftige Verkehrsverbindung. Daher muss sowohl weiter an der Tangentialverbindung Ost (TVO) gearbeitet werden als auch die A100 verlängert werden.
Problematisch für den Bezirk ist allerdings die schlechte Außenwahrnehmung, die durch Veröffentlichungen wie dem Monitoring 2009 noch verstärkt wurde, da Hellersdorf auf Platz 434 und damit ganz hinten landete. Zwar sehen die Anwohner selbst für Ihren Bezirk nicht so schwarz, aber das schlechte Ranking schreckt Investoren ab, so Sören Sydow Zentrumsmanager der Einkaufspassage „Helle Mitte“.
Philipp Mühlberg Gruppenleiter des Referates Soziale Stadt in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erklärte, dass es sich bei den Ergebnissen für Marzahn-Hellersdorf zwar nicht um falsche Zahlen handle, dass jedoch der Sozialatlas als das falsche Instrument missverstanden werde.
Es handle sich keinesfalls um ein Ranking wie sich unterschiedliche Wohngebiete zueinander verhielten, sondern um ein wirkungsvolles Frühwarnsystem, mit dem sich auffällige Entwicklungen bei „Wackelkandidaten“ frühzeitig erkennen ließen. Für Marzahn-Hellersdorf kommt der Sozialatlas, der seit 1998 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstellt wird, zu dem Schluss, dass sich in Nord-Marzahn/Nord-Hellersdorf ein größeres, zusammenhängendes Gebiet mit einer hohen Problemdichte herausgebildet hat. Das ist per se nichts Neues. Hier zählt es konkrete, gebietsbezogene Handlungsempfehlungen auszuarbeiten und zum Einsatz zu bringen, sowie stadtentwicklungspolitische Instrumente der Prävention und Intervention zu formulieren und ihre Umsetzung entsprechend voranzutreiben.
Dabei gilt in Marzahn-Hellersdorf besonderes Augenmerk auf Kinder aus armen, bildungsfernen Familienverhältnissen, denn insbesondere bei diesen Kindern werden die Bildungspolitik und deren Umsetzung darüber entscheiden, ob es ihnen erfolgreich gelingt in Zukunft ihre Chancen zu nutzen, teilzuhaben und ihre Begabungen und Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen. Keinesfalls aber dürfe man zulassen, dass ALG II für die Kinder, die Säulen unseres Systems, zum Nabel der Welt werde.
Stattdessen müssten die wenigen Mittel, die Politik und Sozialarbeit im Bildungswesen überhaupt zur Verfügung stehen so vernünftig wie möglich eingesetzt werden, so der Abgeordnete Sebastian Czaja. Das bedeutet zum einem dem Trend der Schließungen öffentlicher Lern- und Freizeiteinrichtungen konsequent entgegenzuwirken, zum anderen bedeute dies auch Schluss zu machen mit den ständigen Kürzungen, die in besonderem Maße die Sozialarbeit im Bezirk betreffen.